HÄRLE AKTUELL

"Einkaufszettel zum Stimmzettel machen"

Die alte Malztenne platzte aus allen Nähten: Über 200 interessierte Zuhörer verfolgten das "Leutkircher Sudhausgespräch" am 30. März zum Thema "Geiz ist geil - und die Folgen für unser Essen?". Der nachfolgende Bericht - verfasst von Redakteur Werner Ludwig - erschien am 01. April im Wirtschaftsteil der "Schwäbischen Zeitung".
In kaum einem Industrieland geben die Leute so wenig fürs Essen aus wie im Discounterparadies Deutschland. Der Preisdruck bedroht nicht nur Bauern und Verarbeiter, sondern auch den Handel selbst. Doch wie lässt sich die „Geiz-ist-Geil“ – Welle aufhalten? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion in Leutkirch.  

Wenn die Rolle von Gut und Böse immer so eindeutig besetzt wären wie an diesem Abend in der alten Malztenne der Leutkircher Brauerei Härle, wäre die Welt irgendwie übersichtlicher. Die Guten, das sind die Bauern, die hart im Stall und auf dem Feld arbeiten und trotzdem immer weniger für ihre Produkte bekommen. Und natürlich die mittelständischen Verarbeitungsbetriebe und Händler, denen der Preisdruck die Luft zum Atmen nimmt. Die Bösen, das sind aus Sicht der meisten Anwesenden die Lebensmittelmultis, die den Verbrauchern einen mit fragwürdigen Zusatzstoffen versetzten Einheitsbrei auftischen, und die Discounter, die Nahrungsmittel zu Niedrigstpreisen verramschen.  

Die „Bösen“ können von Glück reden, dass sie trotz mehrfacher Anfragen von Veranstalter Gottfried Härle, Geschäftsführer der gleichnamigen Leutkircher Brauerei, keinen Vertreter zum „Leutkircher Sudhausgespräch“ geschickt haben. Denn der hätte in der Diskussion einen schweren Stand gehabt. Auf dem Podium sind die „Guten“ also unter sich. Einer von ihnen ist Hannes Feneberg aus Kempten, Mitinhaber der gleichnamigen regionalen Lebensmittelkette. Auch er findet Geiz natürlich ungeil, spricht von einer „Todesspirale, die Qualität und Arbeitsplätze bedroht“ und am Ende nur Verlierer produziere.  

Gleichzeitig ist Feneberg so pragmatisch, wie man es wohl sein muss, wenn man als Kaufmann überleben will. Manche seiner Sätze könnten fast von einem „Bösen“ stammen. „Wir sind nicht die Lehrmeister unserer Kunden“, sagt er, als ein Zuhörer moniert, dass bei Feneberg auch die Schnäppchen von Tchibo angeboten werden.  
Als Händler müsse man den Kunden schon die Wahl lassen, was sie kaufen wollen, meint der sonnengebräunte Unternehmer, der überhaupt nichts dagegen hat, wenn neben einem seiner Märkte ein Discounter eröffnet: „Dann können die Leute von einem Parkplatz aus alle Einkäufe erledigen.“ 80 Prozent seiner Kunden kauften auch bei Aldi und Co. ein, schätzt Feneberg. Fachleute nennen so etwas „hybrides Konsumverhalten“.  

Seit einigen Jahren beobachtet Feneberg zumindest bei einem Teil der Verbraucher eine Gegenbewegung zur Billigwelle, auf die er mit der Einführung der Eigenmarke „Von Hier“ reagiert hat. Die Produkte stammen von regionalen Erzeugern, die nach Bio-Richtlinien produzieren. „ Wir sind damit erfolgreich“, sagt der Kaufmann. Funktionieren könne so ein Modell aber nur, „wenn Produzenten, Händler und Kunden Spaß daran haben“.  

Wenn Gerhard Glaser auf seine Milchabrechnung schaut, hält sich der Spaß in Grenzen. „Von 27 Cent pro Liter können wir nicht leben“, sagt der Landwirt, der als Vizepräsident des Landesbauernverbandes auf dem Podium steht. Für Glaser und viele seiner Berufskollegen im Saal ist am Preisrückgang nicht nur die „Geiz-ist-Geil“-Mentalität schuld, sondern auch die europäische Agrarpolitik. Das Gerede von den Milchüberschüssen diene nur dazu, die Preise zu drücken, sekundiert Maria Heubuch, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Eine Bäuerin im Publikum ist anderer Meinung: „Wir müssen auf jeden Fall runter von der Überproduktion.“  

Statt auf die Politik zu warten, sollten die Bauern ihre Betriebe auf Bio umstellen, empfiehlt Joseph Wilhelm, Vorstandschef der Legauer Rapunzel Naturkost AG. Einem Bio-Bauern im Saal wird es bei dieser Vorstellung „angst und bange“. Er befürchtet auch im Bio-Sektor einen verschärften Preiswettbewerb, wenn das Angebot zu schnell steigt. Mit rund 3,5 Prozent des Lebensmittelmarktes ist der Bio-Anteil trotz anhaltenden Wachstums immer noch klein. Und die Preise orientieren sich immer auch an denen für konventionelle Ware.  

Bio-Pionier Wilhelm bemüht sich jedenfalls nach Kräften, die ökologisch korrekte Ware unters Volk zu bringen und verzeichnet dabei erfreuliche Zuwachsraten. Unter den Guten gehört er sozusagen zu den Besten. Dabei stammt ein großer Teil seines Sortiments gar nicht aus heimischer Landwirtschaft, sondern wird aus aller Welt importiert. Kaffee gedeiht nun mal im Allgäu nicht so gut.  

Wenn es um die Folgen der Schnäppchenjagd geht, wird Wilhelm zum Philosophen: „Wenn alle billig denken, sind am Ende alle ärmer.“ Der Discounter-Schelte will sich der Rapunzel-Chef aber nicht anschließen. Am Ende bestimme der Kunde, was im Regal steht: „Machen Sie ihren Einkaufszettel zum Stimmzettel!“ Die Sache mit Gut und Böse ist also nicht ganz so einfach, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.  

(Aus: "Schwäbische Zeitung", Wirtschaftsteil, 01.04.2006)

Veröffentlicht am: 05.04.2006
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