HÄRLE AKTUELL

"Es gibt Alternativen zur Wachstumsstrategie"

Interview mit Brauereichef Gottfried Härle in der "Schwäbischen Zeitung" 
 

Gottfried Härle, Eigentümer der Leutkircher Brauerei Härle, verzichtet bewusst auf Investitionen, die die Produktionskapazität stark erhöhen. Denn dann würde für sein Familienunternehmen ein Teufelskreis mit höheren Kosten und größerem Absatzdruck beginnen, den der Unternehmer ganz bewusst ablehnt. Hannes Koch hat mit Gottfried Härle gesprochen.  
 

Unternehmen, die nicht wachsen, sterben, heißt es. Sie aber propagieren, Ihre Firma müsse nicht größer werden. Warum ist Ihnen das wichtig? 
 
Gottfried Härle: Weil ich im Wachstumsgebot eine falsche Zielsetzung sehe. Für uns kommt es in erster Linie darauf an, die Brauerei an die nächste Generation zu übergeben und langfristig zu sichern. Außerdem wollen wir den ökologischen Fußabdruck verringern. Beispielsweise sollen der Rohstoffverbrauch und die Abwasserbelastung sinken. 

Seit wann betreiben Sie diese Firmenpolitik? 
 
Seit über 20 Jahren. Für kleine Brauereien wie unsere – wir beschäftigen 30 Leute – halte ich diese Strategie auch für die einzig erfolgversprechende. Die Branche schrumpft, der Bierabsatz in Deutschland geht zurück. Wenn man die Produktion steigern will, muss man in einem harten Verdrängungswettbewerb mit niedrigeren Preisen gegen die Konkurrenz antreten oder Wettbewerber aufkaufen. 

Wieso machen Sie das nicht? 
 
Wenn wir die Preise senken, können wir nicht mehr kostendeckend produzieren. Und Übernahmen verbessern die Ertragslage kaum. Würde die Firma immer größer, könnten wir auch nicht so auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen, wie wir es heute tun. Einem Restaurant für die Feier am Abend noch schnell eine zusätzliche Schankanlage vorbeizubringen, wäre dann illusorisch. Außerdem würden wir das gute Klima in der Firma aufs Spiel setzen. Heute kann jeder Mitarbeiter ohne Umwege direkt in mein Büro kommen. Das geht in großen Unternehmen nicht. 

Halten Sie Wirtschaftswachstum in einem Land wie Deutschland für obsolet? 
 
Unsere Wirtschaft wird in den kommenden Jahren an die ökologischen Grenzen des Ressourcenverbrauchs stoßen. Wenn wir das Klimaproblem in den Griff bekommen wollen, müssen wir wohl auch das Wachstum reduzieren. Diese Aussage bezieht sich aber nur auf reiche Staaten. In Südeuropa oder gar in Afrika sieht das anders aus. Dort mag höheres Wachstum weiterhin nötig sein, weil die Menschen ihre materiellen Bedürfnisse bisher nicht stillen können. 

Wie sieht es konkret aus, wenn Sie auf Wachstum verzichten? 
 
Seit vielen Jahren produzieren wir annähernd die gleiche Menge Bier. Allerdings nimmt die Herstellung alkoholfreier Biogetränke zu – unser zweites Standbein. Das ist nötig, weil Alkoholkonsum zunehmend zu einem Problemthema wird. 

Die Produktionskosten für das Brauen von Bier steigen, die Rohstoffe werden teurer. Ihre Beschäftigten wollen auch mal eine Lohnerhöhung. Wie finanzieren Sie diese Zusatzausgaben, wenn der Bierausstoß stagniert? 
 
Wir erhöhen die Preise. 

Warum machen Kunden das mit? 
 
Wir müssen sie immer wieder davon überzeugen, dass sie bei uns Qualitätsprodukte bekommen. Wir verwenden Rohstoffe, die möglichst aus der Region stammen. Die Umweltbelastung ist gering, das Betriebsklima angenehm. Die Hochwertigkeit und Authentizität der Produkte muss dazu führen, dass die Kunden bereit sind, für einen Kasten Bier von Härle sieben Euro mehr auszugeben als beispielsweise für eine Kiste Bitburger. 

Wenn Sie die Preise anheben, steigt der Umsatz. Auch Sie kommen also nicht völlig ohne Wachstum aus. 
 
Ich will in meinem Unternehmen aber keine Wachstumszwänge aufbauen. Deshalb verzichten wir auf Investitionen, die die Produktionskapazität stark erhöhen. Unsere neue Abfüllanlage schafft nur die 8000 Flaschen pro Stunde, die auch die alte bewältigte. Wäre es das Doppelte, hätten wir viel höhere Kosten für Abschreibungen und Zinsen. Um die hereinzuholen, muss man mehr und mehr verkaufen – ein Teufelskreis. 

Wäre Ihre Strategie auf große, weltweit agierende Konzerne wie VW anwendbar? 
 
Natürlich gibt es Alternativen zu den Wachstumsstrategien, die Großunternehmen praktizieren. Fusionen schlagen nicht selten fehl. Sie verursachen hohe Kosten, bringen aber keine zusätzlichen Gewinne. Denken Sie an Daimler und Chrysler oder BMW und Rover. Oft stellt Wachstum keine wirtschaftliche Notwendigkeit dar, sondern entspringt einem betriebswirtschaftlichen Dogma. Dieses wird noch immer an den Universitäten gelehrt, wie mir Studenten immer wieder bestätigen. Besser wäre es dagegen, den zukünftigen Managern auch beizubringen, wie sie Firmen unter den Bedingungen von Stagnation und Schrumpfung langfristig fortführen können. 

 
Dieses Interview erschien am Montag, den 09.03.2015 im Wirtschaftsteil der "Schwäbischen Zeitung" 

 

 
 

 

Veröffentlicht am: 10.03.2015
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